Die Gesundheitspolitik – ein Stück aus dem Tollhaus

Mein Medizinstudium mitgerechnet, überblicke ich jetzt 52 Jahre Deutsche Gesundheitspolitik. Ihre Folgen habe ich sowohl als Krankenhausarzt, als auch als niedergelassener sogenannter „Kassenarzt“ jahrzehntelang am eigenen Leibe und in ihrer Auswirkung auf meine Patienten erfahren, ich weis also, wovon ich rede.

Zu den Fakten der heutigen Situation:
Eine immer älter werdende Bevölkerung mit immer längerem Lebensalter, aber auch zunehmenden altersbedingten Erkrankungen führt zu ständig steigenden Kosten. Die Kostenschere zwischen Beitragszahlern und Leistungsnehmern klafft immer weiter auseinander, da in Deutschland zu wenig Kinder geboren werden. Daher steigen seit Jahren die Kosten für ambulante und stationäre
Gesundheitsleistungen laufend. Die Kosten werden den Leistungserbringern von den gesetzlichen Krankenversicherungen und den privaten Versicherungen erstattet. Nach wie vor werden von den privaten Versicherungen die jeweils erbrachten Leistungen einzeln honoriert. Von diesem Prinzip der Einzelleistungshonorierung sind die gesetzlichen Krankenkassen schon seit Jahren abgegangen. Man glaubte mit Fallpauschalen und leistungsbegrenzenden Budgets, der sogenannten „Kostenexplosion“im Gesundheitswesen Herr zu werden. Auch „der Verschreibungswut der Ärzte“ glaubte man mit Arzneimittelbudgets und entsprechenden Regressen, sowie dem Zwang zur Verschreibung von
Billigmedikamenten sogenannten Generika begegnen zu können. Ziel einer Rot-Grün-Schwarzen
Gesundheitspolitik der letzten Jahrzehnten war es, „die Übermacht der Leistungsanbieter“ zu brechen.

Das hat man gründlich geschafft. Die Ergebnisse werden täglich diskutiert.

Die meisten Krankenhäuser stehen vor dem Bankrott. Vielen teuren Facharztpraxen geht es ebenso. Bewarben sich um einen Kassenarztsitz noch vor 10 Jahren Dutzende von niederlassungswilligen Ärzten, so sind heute gerade arbeits- und zeitintensive Landarztpraxen praktisch unverkäuflich und werden nicht mehr besetzt (z.B. das Kleine Wiesental)- Es besteht im ländlichen Raum in Deutschland bereits Ärztemangel.

In unserem Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald fanden 3 Augenarztsitze bis heute keinen Nachfolger.
Dabei beklagen sich die Patienten zu Recht über nachlassendes ärztliches Engagement und schlechtere Pflege in den Krankenhäusern.
Nach wie vor ist der Topf der Aufwendungen für die Gesundheit mit ca. 160 Milliarden EUR so groß wie noch nie. Warum reicht das Geld nicht mehr aus?

Betrachten wir das Gesundheitswesen, als wäre es eine Firma, die schlecht läuft. Sie hat zu hohe Kosten, ihre Kunden sind unzufrieden, aber auch die
Mitarbeiter der Firma Gesundheitswesen sind unzufrieden weil überlastet und schlecht bezahlt. In einem solchen Fall bemüht man heutzutage Beratungsfirmen.

Was wäre in unserem Falle Deutsches Gesundheitswesen, deren Analyse?

Diese Firma arbeitet zu teuer!

Sie leistet sich viel zu viele kleine, teure Verwaltungssysteme: Über 200 gesetzliche Krankenversicherungen (z.B. AOK, IKK, BBK, BEK, DAK und andere GKV`s) dazu aber noch seit 1.1.2009 einen Gesundheitsfond, der die
unterschiedlichen Finanzen dieser vielen Krankenkassen prüft, und durch einen sogenannten Risikoausgleich in Ordnung halten soll. D. h. er nimmt gut wirtschaften Kassen den Überschuss weg und gibt ihn den schlecht wirtschaffenden defizitären Kassen (Modell Finanzausgleich der Länder).

Diese vielen Verwaltungen beschäftigen zu viele Direktoren, Aufsichtsräte etc.. Sie kosten zusammen nur an Verwaltungskosten ca. 18 Milliarden pro Jahr, ebensoviel wie die Honorare der niedergelassenen Kassenärzte. Mann könnte sie alle zu einer Bürgerversicherung zusammenfassen.

Aber von diesen Versicherungen wird auch Unmögliches und Gesundheitsfremdes an Leistungenverlangt.

Z. B. erhalten sie keine Beiträge für Ehepartner und Kinder des jeweilig Versicherten, müssen aber für alle leisten. Die Lohnfortzahlung im Krankheitsfalle müsste keine Kassenleistung sein, das könnte über eine andere Institution (siehe Pflege- und Arbeitslosenversicherung) abgesichert werden.

Die Krankenhausmisere wird mit vielen begründet. Ein wichtiger Grund aber wurde bisher von unseren Gesundheitspolitikern nie angesprochen: Ca. 80 % der Krankenhäuser in Deutschland sind aus dem Besitz der öffentlichen Hand (Städte, Landkreise etc.) an private Träger übergegangen.

D. h. private Geldgeber, sogenannte Investoren haben meist für den berühmten 1 EUR Krankenhäuser übernommen und führen sie bis heute mit Gewinn. Sogar mit zum Teil sehr stattlichem Gewinn. D. h. mit Renditen zwischen 8 und 18 % im Jahr. Eine jährliche Gewinnentnahme in dieser Höhe ist mit gleichzeitiger Instandhaltung, ausreichender Personaldecke und Neuanschaffung von Geräten
entsprechend dem medizinischen Fortschritt nicht zu schaffen. Auch im Gesundheitswesen gibt es Heuschrecken!

Von der Lobby des Kur- und Reha- Wesens gar nicht zu reden.
Es ginge auch ganz anders.

Vorschlag: Gesetzlich sind alle Bürger- und Bürgerinnen verpflichtet, sich privat zu versichern. Dabei wird den privaten Versicherungsgesellschaften ein Basistarif vorgeschrieben, der die Grundversorgung gewährleisten muss. Den Beitrag für Kinder zahlt der Staat aus Steuermitteln. Er zahlt ebenfalls die Beiträge für sozial Schwache und Arbeitslose.
Vorteil: Der freie Bürger kann zwischen miteinander konkurrierenden Versicherungsgesellschaften frei wählen und sich den Umfang seines Versicherungsschutzes aus deren Angebot individuell zusammenstellen ( Zahnersatz, kosmetische OP etc.). Die erbrachten Leistungen werden vom
Leistungserbringer, Arzt, Zahnarzt, Physiotherapeut, Heilpraktiker dem Patienten in Rechnung gestellt und von diesem bezahlt (sog. Transparenz). Die privaten Kassen kontrollieren vor Erstattung die aufgeführten Leistungen und sind verpflichtet bei nicht indizierten, also unnötigen Leistungen nach
voriger Prüfung durch den ärztlichen Dienst, dies Patient und Arzt mitzuteilen. So kann einer Ausbeutung des Systems durch ungezügelte Gier vorgebeugt werden.

Ist so ein System überhaupt zu zumutbaren Kosten möglich?

Ja, es gibt es schon seit Jahren in den Niederlanden mit bestem Erfolg! (Aber wer von unseren Sozialpolitikern will schon nach Holland reisen?) Eher nach Hawaii, macht mehr Spaß.

Dr. Rüdiger Groh war lange Jahre Fraktionssprecher der FDP im Breisacher Gemeinderat und ist auch nach seinem Ausscheiden nach wie vor politisch engagiert und aktiv.